Die Frauenkirchner Juden lebten nach allen Regeln der Religion und Gelehrsamkeit in einer gut organisierten orthodoxen Gemeinde. Im jüdischen Viertel befanden sich alle Einrichtungen, die für ein jüdisches Gemeindeleben notwendig waren.
Als Gebetsraum diente zunächst nur ein Zimmer, um 1749 wurde dann eine eigene Synagoge gebaut. Nach einer Feuerkatastrophe wurde 1843 ein neues, größeres, zweistöckiges, im Biedermeierstil errichtetes Tempelgebäude fertiggestellt.
Das geistige Oberhaupt und die oberste Autorität der Kultusgemeinde war der Rabbiner. Das Rabbinat war für die Bereiche Religion, Erziehung und religiöse Rechtssprechung und darüber hinaus auch für die Leitung der Gemeinde zuständig, die teilweise dem Gemeindevorstand übertragen wurde. Simon Löwy war von 1892 bis 1938 der letzte Rabbiner in Frauenkirchen.
Zudem beschäftigte die Kultusgemeinde, zu der auch die jüdischen Bewohner der umliegenden Region gehörten, einen Kantor und einen Tempeldiener.
Ein Zentrum des religiösen, geistigen und gesellschaftlichen Lebens innerhalb der jüdischen Gemeinde war die Schule, sie war auch Bewahrerin von Tradition und Religion. Als letzter Schulleiter der israelitischen Volksschule fungierte bis 1938 Moses Krausz.
Um dem orthodoxen Ritus gerecht zu werden, unterhielt die Kultusgemeinde einen Schächter, eine koschere Fleischerei, eine Bäckerei und eine Weinschenke. In der jüdischen Gemeinde entwickelte sich ein reges, zumeist religiöses Vereinsleben. So gab es den Beerdigungsverein „Chewra Kaddischa“, den Wohltätigkeitsverein „Kinjam Olam“, einen Jugendverein, einen Frauenverein und einen Krankenunterstützungsverein.
Die jüdische Bevölkerung Frauenkirchens war mehrheitlich fromm und lebte nach traditioneller orthodoxer Art und Weise. In der gebildeten Bevölkerung gab es auch assimilierte Juden, die sich jedoch dem orthodoxen Leben nicht entgegenstellten.
(© Herbert Brettl)